Sommer-Lossprechungsfeier 2025
Sie sind nicht durch KI zu ersetzen
Von Karin Ait Atmane
Kreis Esslingen. Azubi war gestern, jetzt sind sie Gesellen und Gesellinnen: 166 junge Menschen haben im Gebiet der Kreishandwerkerschaft Esslingen-Nürtingen ihre handwerkliche Ausbildung erfolgreich abgeschlossen. Sie wurden am Donnerstagabend im Nürtinger K3N der Tradition gemäß feierlich „losgesprochen“.
Die diesjährige Sommer-Lossprechung – es gibt eine zweite im Winter – ist ein besonders starker Jahrgang. Er deckt insgesamt 19 verschiedene Berufe ab, vom Bäcker bis zum Zweiradmechatroniker, vom Friseur bis zum Stuckateur – natürlich jeweils auch in der weiblichen Form. Die größte Gruppe sind aktuell die Zimmerer mit 29 Absolventen, gefolgt von den Tischlern und den Anlagenmechanikern. Elektroniker, Kraftfahrzeugmechatroniker und Friseure sind ebenfalls jeweils mehr als ein Dutzend Mal vertreten, andere Berufsbilder wie Glaser, Automobilkaufmann oder Schilder- und Lichtreklamehersteller dagegen seltener.
Landrat Marcel Musolf persönlich begrüßte die jungen Hauptpersonen und gratulierte ihnen zum erfolgreichen Abschluss ebenso wie zu den damit erworbenen Perspektiven: Handwerk sei am Puls der Zeit, sei innovativ und zukunftsfähig, sagte er. Es könne ganz verschiedene Türen öffnen, passend zum individuellen Lebensweg. Ein Beispiel dafür war gleich im Anschluss auf der Bühne zu sehen: die Schreinerin Lea John, die vor zweieinhalb Jahren losgesprochen wurde und schon in der Ausbildung ein vierwöchiges Praktikum in Ghana gemacht hatte. Von Land und Leuten begeistert, arbeitete sie als Gesellin weitere sechs Monate in dem westafrikanischen Land und gründete den Verein Yana, der dort eine Schule mit Internat baut. Auslandserfahrung ist also keineswegs Studierenden vorbehalten, im Gegenteil: Praktische Fertigkeiten sind überall auf der Welt gefragt. Übrigens auch bei Lea Johns Projekt – die junge Frau lud alle Interessierten ein, sich zu melden und beim Schulhausbau zu helfen, „ganz egal, aus welchem Gewerk“.
Tatsächlich finde das deutsche Ausbildungssystem mit seinen Handwerksberufen auch international große Anerkennung, bestätigte Kreishandwerksmeister Karl Boßler. Solange man dieses erhalte und engagierten Nachwuchs habe, sei ihm „um unser Handwerk nicht bange“. Von Moderator Rafael Treite nach der aktuellen Lage in den Betrieben gefragt, äußerte er aber doch ein paar kritische Worte: Man müsse aufhören, alles zu „regulieren bis ins Kleinste“, man müsse manches hinterfragen und Standards senken. Trotzdem, betonte Boßler, sei unterm Strich in Deutschland „mehr gut als schlecht“. Als einen wichtigen Faktor für die Zukunftsfähigkeit nannte Fabian Weber, der Geschäftsführer der Kreishandwerkerschaft, die Fort- und Weiterbildung, das „lebenslange Lernen“. Es gebe viele Wege im Handwerk, sagte er und riet den Gesellen und Gesellinnen: „Bildet euch weiter, probiert euch aus und findet heraus, was euch Spaß macht!“ Wer dabei Beratung brauche, sei bei der Kreishandwerkerschaft richtig.
Einblick in einen weiteren individuellen Berufsweg gab das eingespielte Video mit einem Besuch bei Pirmin Sigel in der Backstube Scholderbeck. Der junge Mann hatte schon zu Schulzeiten davon geträumt, Bäcker zu werden wie sein Vater. Er ließ sich aber zunächst auf ein Studium ein, um seine sportliche Karriere als Mountainbiker verfolgen zu können. Nach deren Ende begann er doch noch eine Ausbildung in der Backstube, die er nun mit einer Eins vor dem Komma abschloss – und ab Januar wird er die Meisterschule besuchen.
Ein weiterer Motivator auf zwei Rädern rockte geradezu die Halle: Chris Böhm, der BMX-Athlet, Weltrekordhalter und Influencer mit mehr als drei Millionen Followern ist. Der 42-Jährige, dem man sein Alter ganz und gar nicht ansieht, wirbelte über die Bühne, performte den Moonwalk auf seinem Fahrrad, machte einarmige Liegestützen auf zwei Fingern und hatte bei alledem eine ganz klare Botschaft: „Auch wenn ihr mal einen Fehler macht, immer weitermachen, nicht aufgeben, durchziehen!“, appellierte er an die Absolventen. „Ihr könnt alles schaffen, wenn ihr euch im Kopf sagt, ich packe das.“ Sein Sportkollege Justin machte vor dem Publikum im K3N sogar einen Weltrekordversuch oder zumindest die Generalprobe dafür. Er hat die angepeilten 23 Lenkerumdrehungen in 30 Sekunden zwar nicht erreicht, aber einen großen Gänsehautmoment für alle erschaffen. Viele in der Halle hielten den Atem an und schnappten nach dem Ende des Versuchs hörbar nach Luft.
Abseits von sportlichen Spitzenleistungen können alle, die losgesprochen wurden, stolz auf ihren Abschluss sein, und mit ihnen ihre Ausbilder. Das betonte Kreishandwerksmeister Boßler ebenso wie Jens Klaiber, der Vize-Präsident der Handwerkskammer Region Stuttgart. Die jungen Leute brächten neue Ideen und Perspektiven, sagte er, auch mit ihren Forderungen: „Ihr sagt uns, was euch wichtig ist – und ich glaube, das bringt uns auch in der Zukunft weiter.“
Der aktuelle Jahrgang war nicht nur von der Anzahl her stark, sondern auch leistungsstark: 51 der Absolventen haben mit Gesamtnote „gut“ – also 2,4 oder besser – abgeschnitten und wurden dafür ausgezeichnet. Eine zusätzliche Urkunde erhielten die Gewerksbesten: Silas Liebler als Anlagenmechaniker, Pirmin Sigel als Bäcker, Harald Bayer als Elektroniker, Diana-Jeanette Sturm als Fachverkäuferin im Lebensmittelhandwerk, Fenja Sarwar als Kauffrau für Büromanagement, Enis Ljubijankic als Kraftfahrzeugmechatroniker, Sara Kautter als Maurerin und Valentin Walter als Technischer Produktdesigner. Drei weitere Gewerksbeste sind außerdem Kammerpreisträger, weil sie ihren Abschluss mit Gesamtnote 1,4 oder besser absolviert haben. Das sind Daniel Neuscheler bei den Beton- und Stahlbetonbauern, Marc Schneider bei den Tischlern und Lennert Gaukler bei den Zimmerern.
Wie hoch die Ausbildungsqualität im Bezirk ist, zeigt auch die Auszeichnung der Firma Ramsperger Automobile, Nürtingen: Das Unternehmen erhielt vom Vizepräsidenten der Handwerkskammer Region Stuttgart, Jens Klaiber, die neue primAQ-Zertifizierung. Die Abkürzung steht für „prima Ausbildungsqualität“ und belegt, dass ein Unternehmen sich im Ausbildungsbereich besonders engagiert.
Mit Geschenktaschen und Lossprechungsurkunden in der Hand wurden die neuen Gesellinnen und Gesellen entlassen. Ebenso wichtig ist aber die Gewissheit, die Moderator Rafael Treite ihnen mitgab: „Handwerk kann man nicht durch KI ersetzen. Ihr seid alle unersetzbar!“
Impressionen
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